Ulmer Postgeschichte · Teil 1
Ulm 1805 – der Brief eines Kundschafters Napoleons
Am 21. Oktober 1805, einen Tag nach der Kapitulation der österreichischen Armee, schrieb ein französischer Offizier vor Ulm einen Brief nach Nantes. Mehr als 200 Jahre lang wusste niemand, wer er war.
Von Paris Dimitriadis · ca. 9 Minuten Lesezeit
Die Geschichte der Ulmer Post kennt viele seltene Stücke. Nur wenige erzählen aber so unmittelbar von einem Wendepunkt der europäischen Geschichte wie dieser Brief. Er ist mit „V.B.“ unterschrieben, lief über eine französische Feldpost mit einem nur wenige Monate verwendeten Stempel – und sein Verfasser hatte kurz zuvor unter Kanonenfeuer die Befestigungen von Ulm ausgekundschaftet.
Die Reichsstadt verliert ihre Freiheit
Jahrhundertelang war Ulm Freie Reichsstadt. Um 1500 stand sie auf dem Höhepunkt: Salz, Eisen, Wein, Getreide und vor allem der europaweit begehrte Ulmer Barchent gingen über ihre Märkte, der Handel zwischen den Niederlanden und Oberitalien führte durch die Stadt. „Ulmer Geld regiert die Welt“, hieß es. Kriege, Besatzungen und Seuchen schwächten die Stadt im 17. und 18. Jahrhundert; 1770 war sie bankrott und musste Besitz verkaufen, darunter die Herrschaft Wain.
Mit der Mediatisierung 1802 kam Ulm zu Bayern, der Reichsdeputationshauptschluss bestätigte das 1803. Auf den Briefen wird der Wechsel sichtbar: Aus der reichsstädtischen Zeit stammen frühe Ortsstempel wie „D’ULM“, aus der bayerischen Zeit die Rayonstempel wie „R3 ULM“.
Der Feldzug von 1805
1805 gab Napoleon den Plan einer Landung in England auf und wandte sich gegen Österreich und Russland – der Beginn des Dritten Koalitionskrieges. Seine Truppen, darunter die für England bereitgestellte Armee von Holland, marschierten in wenigen Wochen an die Donau. Generalstabschef Louis-Alexandre Berthier hatte die Versorgung der Regimenter schon im Frühjahr bis ins Einzelne geregelt.
Im Oktober 1805 zogen sich die bei Elchingen geschlagenen Österreicher unter General Mack nach Ulm zurück. Die mittelalterlichen Mauern hielten der Einschließung nicht stand. Am 20. Oktober legte die Garnison am Michelsberg vor Napoleon die Waffen nieder.
Der Brief vom 21. Oktober 1805
Der Brief ist in „Ulm, 29 Vendémiaire“ datiert – nach dem französischen Revolutionskalender der 21. Oktober 1805. Er lief zunächst über die französische Feldpost Nr. 4 mit dem Stempel „ARM. DE HOLLANDE“ und wurde dann der zivilen Post nach Nantes übergeben. Dieser Stempel der Armee von Holland wurde nur von September bis Dezember 1805 verwendet. Die Taxe von 9 Décimes entspricht einem Brief unter 6 Gramm über 600 bis 800 Kilometer von der französischen Grenze.
Bemerkenswert ist, was fehlt: Ein hoher Offizier hätte mit vollem Namen und Dienstgrad unterschrieben, und sein Brief wäre portofrei befördert worden. Dieser Brief trägt nur die Initialen „V.B.“ – und musste bezahlt werden.
Der Brief in deutscher Übersetzung
Offenhausen bei Ulm, 29. Vendémiaire, Jahr 14 (21. Oktober 1805)
Mein lieber Freund, Ulm ist unser. Die Garnison, 23.800 Mann stark, ist gestern am Kaiser und an einem großen Teil unserer Armee vorbeimarschiert, die auf den umliegenden Höhen aufgestellt war. Die Stadt war nur acht Tage eingeschlossen, und schon am vierten Tag wurde die Konvention unterzeichnet. Die Österreicher haben trotz der Stärke ihrer Garnison keinen Ausbruch versucht, um zu entkommen.
Wir haben bereits 50.000 bis 60.000 Gefangene gemacht; die feindliche Armee ist damit fast vollständig geschlagen, und der Rest ist gewiss völlig entmutigt. Die Marschälle Bernadotte, Davout und Soult rücken an den Inn vor, den Russen entgegen, von denen sie schon Gefangene gemacht haben sollen. Morgen kehren wir nach Augsburg zurück, um uns den beiden anderen Korps anzuschließen.
Ich habe die Tore von Ulm und die vorgeschobenen Werke der Festung erkundet. Man hat mehrere Kanonenschüsse auf mich abgegeben, die knapp vorbeigingen. Ich wundere mich, dass man nicht mit Gewehren auf mich geschossen hat – ich war nur auf halbe Schussweite vom Hauptwall entfernt.
Leb wohl. Grüße und Umarmungen an alle Verwandten und Freunde. Ich umarme dich.
Nachsatz: Mein lieber Boutin, ich bin weiterhin im Hauptquartier des 2. Korps der Großen Armee. Wir hatten vier Tage lang furchtbaren Regen und waren bis auf die Knochen durchnässt. Meine Sachen waren schlecht, und unsere Stiefel waren ganz durchgelaufen. Ich habe mir in Ulm in aller Eile ein Paar machen lassen, bis ich wieder zu meinem Gepäck komme. Wir haben insgesamt keine 4.000 Mann verloren – Gefallene, Verwundete und Gefangene zusammen.
Original in französischer Sprache; erstmals transkribiert und übersetzt von Paris Dimitriadis.
Wer war „V.B.“?
Als der Brief bei einer Auktion auftauchte, war sein Datum falsch gelesen und sein Text nie abgeschrieben worden. Die erste Vermutung lag nahe: ein Marschall oder General, so bekannt, dass seine Initialen genügten. Ein Vergleich mit den Handschriften aller in Frage kommenden Marschälle und Generäle des Feldzugs ergab jedoch keinen Treffer.
Die Spur fand sich im Brief selbst: Bei genauer Abschrift tauchte der Name „Boutin“ auf, dazu ein Hinweis auf die Familie. Der Handschriftenvergleich mit einem Dokument im französischen Nationalarchiv brachte die Gewissheit – der Verfasser ist Vincent-Yves Boutin (1772–1815), französischer Ingenieuroffizier und Geheimagent Kaiser Napoleons I. Mit den bloßen Initialen wollte er auf seiner gefährlichen Mission unerkannt bleiben.
Vincent-Yves Boutin, Ingenieur und Kundschafter
Boutin stammte aus Nantes und diente als Ingenieuroffizier. 1800 schlug er unter Lecourbe bei Reichlingen eine Brücke über den Rhein, unter feindlichem Feuer; danach erkundete er die Wege über den Gotthard und den Simplon und bereitete beim Einzug in Mailand die Blockade des Kastells vor. Im August 1805 kam er unter Napoleons direktem Befehl an die obere Donau.
Vor Ulm erkundete er die Donaubrücken, die Stadttore und die vorgeschobenen Werke – nur zwei- bis dreihundert Toisen, also etwa 390 bis 585 Meter, von den österreichischen Stellungen entfernt. Seine Erkenntnis: Die alten Befestigungen waren der modernen Kriegführung nicht mehr gewachsen. 1808 führte ihn ein Auftrag nach Algier; seine Aufzeichnungen dienten Jahrzehnte später als Grundlage für den französischen Feldzug von 1830.
Am selben Tag: Trafalgar
Während Boutin seinen Brief schrieb, verlor die französisch-spanische Flotte bei Trafalgar die Seeschlacht gegen England. Ulm zeigte Napoleons Stärke an Land, Trafalgar seine Schwäche auf See. Im November besetzten die Franzosen Wien, am 2. Dezember siegte Napoleon bei Austerlitz.
Zeittafel
Nach der Kapitulation
Nach dem Frieden von Pressburg Ende 1805 wurden Bayern und Württemberg Königreiche. Ulm blieb vorerst bayerisch und französischer Stützpunkt. Ein Brief aus dem französischen Hauptquartier in Ulm vom 7. Mai 1806 an den bayerischen Gouverneur der Provinz Schwaben, Graf von Leyden, klagt über die Versorgung des Militärspitals – auf einem Vordruck, der eigentlich für Innsbruck und Tirol bestimmt war. 1810 kam Ulm im Gebietstausch an Württemberg; das Ufer gegenüber blieb bayerisch, dort entstand Neu-Ulm.