Ulmer Postgeschichte · Teil 2
Ulm 1810–1914 auf Briefen und Karten
Vom Verlust der Reichsfreiheit zur Festungs-, Industrie- und Verkehrsstadt: Wie sich Ulm in hundert Jahren neu erfand – erzählt mit Briefen und Karten.
Von Paris Dimitriadis · ca. 8 Minuten Lesezeit
1810 wurde Ulm württembergisch. Die Stadt hatte ihre Reichsfreiheit verloren, ihren Handel und ihre Bedeutung. Hundert Jahre später, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, war sie eine moderne, selbstbewusste Stadt mit Festung, Industrie, Bahnknoten und dem höchsten Kirchturm der Welt. Briefe, Belege und Ansichtskarten zeigen diesen Weg.
Unter württembergischer Krone
In den Jahrzehnten nach 1810 fand Ulm seinen Platz im Königreich Württemberg. Ratsprotokolle, Amtsschreiben und Gerichtsbriefe zeigen, wie sich die Verwaltung neu ordnete und dabei alte Ulmer Eigenheiten bewahrte. Eine Quittung der königlich württembergischen Postwagen-Expedition Ulm von 1834 verbucht ein Paket mit angeblich 2.600 Gulden – bezahlt wurden 3 Gulden 50 Kreuzer, viel Geld für eine Wertsendung. Übergroße Gerichtsbriefe gingen bis nach Wien.
Der Kunsthändler Heinrich Nübling mahnte 1842 bei der Gräfin von Spaur eine alte Schuld an – rechtlich wirkungslos, denn die Mahnung hätte an den Grafen gehen müssen. Graf Spaur wurde bekannt, weil er 1848 Papst Pius IX. aus dem revolutionären Rom in Sicherheit brachte.
Handel, Banken und Industrie
Den Wiederaufstieg trugen Banken, Handel und Erfindergeist. Ein Brief von 1858 nach Pest (heute Budapest) an den Privatbankier von Malvieux trägt einen senkrechten Dreierstreifen der 3-Kreuzer-Marke – senkrechte Streifen sind deutlich seltener als waagrechte. Ein Geschäftsbrief von 1873 ging an Johann Contarini in Venedig, aus einer der alten Patrizierfamilien der Lagunenstadt.
Conrad Dietrich Magirus (1824–1895) gründete 1846 die erste Ulmer Feuerwehr und 1866 seine Fabrik für Leitern, Pumpen und Feuerwehrwagen; die Drehleiter machte den Namen weltbekannt. Philipp Jakob Wieland (1793–1873) baute aus einer Glockengießerei ein Werk für Messing, Kupfer und andere Buntmetalle auf – und führte eine der frühesten Betriebskrankenkassen Deutschlands ein. Die Pflugfabrik Gebrüder Eberhardt hatte bis 1913 rund 1,5 Millionen Pflüge verkauft.
1890: Das Münster wird vollendet
Am 29. Juni 1890 war der Münsterturm fertig – nach mehr als fünf Jahrhunderten. Die Stadt feierte mit einem großen historischen Festzug, von den Rittern und Zünften des 14. Jahrhunderts über Reformation und Dreißigjährigen Krieg bis zum Schwörmontag. Zum Festzug erschien ein Leporello: ausgefaltet 14,34 Meter lang, für eine Mark zu haben – damals ein Tageslohn. Mit der Post verschicken ließ es sich kaum, und gekauft wurde es selten.
Ulm und die Welt
Eine Stadt ohne Meer – und doch mit der Welt verbunden. Karten aus der Karibik, aus Niederländisch-Indien und aus der Levante kamen nach Ulm; Handelsströme liefen früher oder später über die Stadt. Noch 1916 ging eine Paketkarte von Stuttgart über Ulm und die Donau-Bulgarien-Route nach Konstantinopel – ein alter Handelsweg, mitten im Krieg wiederbelebt.
Bundesfestung und Garnison
Auf dem Wiener Kongress bestand Österreich auf einer großen Festung in Ulm zum Schutz Wiens; der Deutsche Bund bezahlte sie. Von 1844 bis 1859 entstand die größte Festungsanlage ihrer Zeit. In Spitzenzeiten arbeiteten 10.000 Menschen daran – für die Stadt ein enormer Auftrieb. Gekämpft wurde um die Festung nie. In den 1890er Jahren kaufte Ulm nicht mehr benötigte Flächen und Bauten günstig auf und gewann so Raum für Wohnungen und Industrie.
Kaiser, Zeppelin und der Schneider von Ulm
Graf Zeppelin begann seine militärische Laufbahn in Ulm und blieb der Stadt verbunden; er baute hier eine Villa und wurde Ehrenbürger. Am 31. Juli 1909 zog ein Zeppelin über Ulm – festgehalten auf einer seltenen Photokarte. 1911 erinnerten Karten an Albrecht Ludwig Berblinger, den „Schneider von Ulm“, der 1811 mit seinem Flugversuch gescheitert war. Hundert Jahre später waren Luftschiffe und Flugzeuge Wirklichkeit.
Auch Feldpost gehört zu Ulm: 1900 kamen Soldaten aus Ulm beim Boxeraufstand nach China; ihre Briefe in die Heimat liefen mit der Feldpost des Ostasiatischen Expeditionskorps oder über Sibirien.
Donau, Bahnhof und Stadtleben
Jahrhundertelang war die Donau Ulms Lebensader. In den 1850er Jahren fuhren noch drei bis vier Ulmer Schachteln pro Woche ab; am 27. April 1897 legte die letzte ab. Die Eisenbahn hatte die Donau als Handelsweg abgelöst. Am Bahnhof wurde Post direkt bearbeitet, oft am selben Tag zugestellt; der Bahnhofplatz mit Hotels und Biergarten wurde das neue Tor zur Stadt. In der Bahnhofstraße stand auch das Geburtshaus Albert Einsteins.
Feste und Gastlichkeit machten Ulm zum Anziehungspunkt: 1854 fand selbst Herzog Max in Bayern, der Schwiegervater des österreichischen Kaisers, nur noch im kleinen Gasthaus „Lämmle“ ein Zimmer. Im selben Jahr fuhr ein Sonderzug mit 37 vollbesetzten Wagen von Ulm zum Münchner Oktoberfest. Zum Schwörmontag gehört bis heute die Lichterserenade auf der Donau.
Ausblick
Die Jahre bis 1914 waren für Ulm eine Zeit des Aufschwungs: aus der verarmten ehemaligen Reichsstadt war eine Festungs-, Industrie- und Verkehrsstadt geworden. Der Erste Weltkrieg beendete diese lange Blüte abrupt – die Wilhelmsburg diente noch bis 1917 als Kaserne.