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Ulmer Postgeschichte · Teil 2

Ulm 1810–1914 auf Briefen und Karten

Vom Verlust der Reichsfreiheit zur Festungs-, Industrie- und Verkehrsstadt: Wie sich Ulm in hundert Jahren neu erfand – erzählt mit Briefen und Karten.

Von Paris Dimitriadis · ca. 8 Minuten Lesezeit

Ulm aus der Vogelschau, Mitte des 19. Jahrhunderts, als Künstlerkarte von Eugen Felle: die Stadt mit der neuen Bundesfestung, Donau und Iller, Württemberg und Bayern.
Ulm aus der Vogelschau, Mitte des 19. Jahrhunderts, als Künstlerkarte von Eugen Felle: die Stadt mit der neuen Bundesfestung, Donau und Iller, Württemberg und Bayern.
Mechanische Farbkarte: das Münster bei Nacht beleuchtet – eine der schönsten Münsterkarten.
Mechanische Farbkarte: das Münster bei Nacht beleuchtet – eine der schönsten Münsterkarten.

1810 wurde Ulm württembergisch. Die Stadt hatte ihre Reichsfreiheit verloren, ihren Handel und ihre Bedeutung. Hundert Jahre später, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, war sie eine moderne, selbstbewusste Stadt mit Festung, Industrie, Bahnknoten und dem höchsten Kirchturm der Welt. Briefe, Belege und Ansichtskarten zeigen diesen Weg.

Unter württembergischer Krone

In den Jahrzehnten nach 1810 fand Ulm seinen Platz im Königreich Württemberg. Ratsprotokolle, Amtsschreiben und Gerichtsbriefe zeigen, wie sich die Verwaltung neu ordnete und dabei alte Ulmer Eigenheiten bewahrte. Eine Quittung der königlich württembergischen Postwagen-Expedition Ulm von 1834 verbucht ein Paket mit angeblich 2.600 Gulden – bezahlt wurden 3 Gulden 50 Kreuzer, viel Geld für eine Wertsendung. Übergroße Gerichtsbriefe gingen bis nach Wien.

Das Ulmer Rathaus auf einer Lithographie-Karte von 1913.
Das Ulmer Rathaus auf einer Lithographie-Karte von 1913.
Humorkarte: Der Ulmer Kuhhirte hört von seiner Entlassung, stürmt in die Ratssitzung und kündigt selbst.
Humorkarte: Der Ulmer Kuhhirte hört von seiner Entlassung, stürmt in die Ratssitzung und kündigt selbst.
Quittung der Postwagen-Expedition Ulm, 1834, über ein Paket mit angeblich 2.600 Gulden; Gebühr 3 Gulden 50 Kreuzer.
Quittung der Postwagen-Expedition Ulm, 1834, über ein Paket mit angeblich 2.600 Gulden; Gebühr 3 Gulden 50 Kreuzer.
Übergroßer Gerichtsbrief von Ulm-Wiblingen an das Zivilgericht in Wien, vollständig im Querformat
Früher übergroßer Gerichtsbrief (11 × 32 cm) des königlichen Gerichts Ulm-Wiblingen an das Zivilgericht in Wien, „zu Wagen“ befördert.

Der Kunsthändler Heinrich Nübling mahnte 1842 bei der Gräfin von Spaur eine alte Schuld an – rechtlich wirkungslos, denn die Mahnung hätte an den Grafen gehen müssen. Graf Spaur wurde bekannt, weil er 1848 Papst Pius IX. aus dem revolutionären Rom in Sicherheit brachte.

Brief des Kunsthändlers Heinrich Nübling an die Gräfin von Spaur in München, 1842.
Brief des Kunsthändlers Heinrich Nübling an die Gräfin von Spaur in München, 1842.
Geschäftsbrief Nüblings von Ulm nach Augsburg, 1853, frankiert mit einer seltenen Farbnuance.
Geschäftsbrief Nüblings von Ulm nach Augsburg, 1853, frankiert mit einer seltenen Farbnuance.

Handel, Banken und Industrie

Den Wiederaufstieg trugen Banken, Handel und Erfindergeist. Ein Brief von 1858 nach Pest (heute Budapest) an den Privatbankier von Malvieux trägt einen senkrechten Dreierstreifen der 3-Kreuzer-Marke – senkrechte Streifen sind deutlich seltener als waagrechte. Ein Geschäftsbrief von 1873 ging an Johann Contarini in Venedig, aus einer der alten Patrizierfamilien der Lagunenstadt.

Senkrechter Dreierstreifen 3 Kreuzer auf Brief von Ulm nach Pest, 8. Mai 1858.
Senkrechter Dreierstreifen 3 Kreuzer auf Brief von Ulm nach Pest, 8. Mai 1858.
Geschäftsbrief von Ulm nach Venedig an Johann Contarini, 1873.
Geschäftsbrief von Ulm nach Venedig an Johann Contarini, 1873.

Conrad Dietrich Magirus (1824–1895) gründete 1846 die erste Ulmer Feuerwehr und 1866 seine Fabrik für Leitern, Pumpen und Feuerwehrwagen; die Drehleiter machte den Namen weltbekannt. Philipp Jakob Wieland (1793–1873) baute aus einer Glockengießerei ein Werk für Messing, Kupfer und andere Buntmetalle auf – und führte eine der frühesten Betriebskrankenkassen Deutschlands ein. Die Pflugfabrik Gebrüder Eberhardt hatte bis 1913 rund 1,5 Millionen Pflüge verkauft.

Die Feuerwehrgeräte-Fabrik C. D. Magirus in Ulm.
Die Feuerwehrgeräte-Fabrik C. D. Magirus in Ulm.
Postkarte der Firma Wieland & Cie., 1913: Auftragsbestätigung über zwei Kupferbleche.
Postkarte der Firma Wieland & Cie., 1913: Auftragsbestätigung über zwei Kupferbleche.
Reklamekarte der Pflugfabrik Gebrüder Eberhardt, Grand Prix Mailand 1906.
Reklamekarte der Pflugfabrik Gebrüder Eberhardt, Grand Prix Mailand 1906.
Reklamekarte des Kaufhauses D. Maurer, Ulm, 1901.
Reklamekarte des Kaufhauses D. Maurer, Ulm, 1901.

1890: Das Münster wird vollendet

Am 29. Juni 1890 war der Münsterturm fertig – nach mehr als fünf Jahrhunderten. Die Stadt feierte mit einem großen historischen Festzug, von den Rittern und Zünften des 14. Jahrhunderts über Reformation und Dreißigjährigen Krieg bis zum Schwörmontag. Zum Festzug erschien ein Leporello: ausgefaltet 14,34 Meter lang, für eine Mark zu haben – damals ein Tageslohn. Mit der Post verschicken ließ es sich kaum, und gekauft wurde es selten.

Titel des Leporellos zum Festzug zur Vollendung des Ulmer Münsters, 1890.
Titel des Leporellos zum Festzug zur Vollendung des Ulmer Münsters, 1890.
Ausschnitt aus dem Leporello.
Ausschnitt aus dem Leporello.
Ein Abschnitt des Festzugs im Leporello – ausgefaltet misst das ganze Band über 14 Meter.
Ein Abschnitt des Festzugs im Leporello – ausgefaltet misst das ganze Band über 14 Meter.

Ulm und die Welt

Eine Stadt ohne Meer – und doch mit der Welt verbunden. Karten aus der Karibik, aus Niederländisch-Indien und aus der Levante kamen nach Ulm; Handelsströme liefen früher oder später über die Stadt. Noch 1916 ging eine Paketkarte von Stuttgart über Ulm und die Donau-Bulgarien-Route nach Konstantinopel – ein alter Handelsweg, mitten im Krieg wiederbelebt.

Postkarte aus Port of Spain, Trinidad, nach Ulm, 1901.
Postkarte aus Port of Spain, Trinidad, nach Ulm, 1901.
Paketkarte von Stuttgart über Ulm nach Konstantinopel, 1916.
Paketkarte von Stuttgart über Ulm nach Konstantinopel, 1916.

Bundesfestung und Garnison

Auf dem Wiener Kongress bestand Österreich auf einer großen Festung in Ulm zum Schutz Wiens; der Deutsche Bund bezahlte sie. Von 1844 bis 1859 entstand die größte Festungsanlage ihrer Zeit. In Spitzenzeiten arbeiteten 10.000 Menschen daran – für die Stadt ein enormer Auftrieb. Gekämpft wurde um die Festung nie. In den 1890er Jahren kaufte Ulm nicht mehr benötigte Flächen und Bauten günstig auf und gewann so Raum für Wohnungen und Industrie.

Plan der Bundesfestung, 1859: Ulm in Stein, Neu-Ulm in Backstein.
Plan der Bundesfestung, 1859: Ulm in Stein, Neu-Ulm in Backstein.
Gruss von der Wilhelmsburg, 1906 – die Zitadelle über der Stadt.
Gruss von der Wilhelmsburg, 1906 – die Zitadelle über der Stadt.

Kaiser, Zeppelin und der Schneider von Ulm

Graf Zeppelin begann seine militärische Laufbahn in Ulm und blieb der Stadt verbunden; er baute hier eine Villa und wurde Ehrenbürger. Am 31. Juli 1909 zog ein Zeppelin über Ulm – festgehalten auf einer seltenen Photokarte. 1911 erinnerten Karten an Albrecht Ludwig Berblinger, den „Schneider von Ulm“, der 1811 mit seinem Flugversuch gescheitert war. Hundert Jahre später waren Luftschiffe und Flugzeuge Wirklichkeit.

Zeppelin über Ulm, Photokarte vom 31. Juli 1909.
Zeppelin über Ulm, Photokarte vom 31. Juli 1909.
Karte 1911: Berblinger, der Schneider von Ulm, und der Triumph der Luftfahrt.
Karte 1911: Berblinger, der Schneider von Ulm, und der Triumph der Luftfahrt.

Auch Feldpost gehört zu Ulm: 1900 kamen Soldaten aus Ulm beim Boxeraufstand nach China; ihre Briefe in die Heimat liefen mit der Feldpost des Ostasiatischen Expeditionskorps oder über Sibirien.

Feldpostbrief des Ostasiatischen Expeditionskorps nach Ulm, 15. Januar 1901.
Feldpostbrief des Ostasiatischen Expeditionskorps nach Ulm, 15. Januar 1901.
Brief aus Tientsin über Sibirien nach Ulm.
Brief aus Tientsin über Sibirien nach Ulm.

Donau, Bahnhof und Stadtleben

Jahrhundertelang war die Donau Ulms Lebensader. In den 1850er Jahren fuhren noch drei bis vier Ulmer Schachteln pro Woche ab; am 27. April 1897 legte die letzte ab. Die Eisenbahn hatte die Donau als Handelsweg abgelöst. Am Bahnhof wurde Post direkt bearbeitet, oft am selben Tag zugestellt; der Bahnhofplatz mit Hotels und Biergarten wurde das neue Tor zur Stadt. In der Bahnhofstraße stand auch das Geburtshaus Albert Einsteins.

Erinnerungskarte an die letzte Fahrt einer Ulmer Schachtel, 27. April 1897.
Erinnerungskarte an die letzte Fahrt einer Ulmer Schachtel, 27. April 1897.
Bahnhofstraße mit Blick vom Bahnhofplatz, 1902; links das Geburtshaus Einsteins.
Bahnhofstraße mit Blick vom Bahnhofplatz, 1902; links das Geburtshaus Einsteins.

Feste und Gastlichkeit machten Ulm zum Anziehungspunkt: 1854 fand selbst Herzog Max in Bayern, der Schwiegervater des österreichischen Kaisers, nur noch im kleinen Gasthaus „Lämmle“ ein Zimmer. Im selben Jahr fuhr ein Sonderzug mit 37 vollbesetzten Wagen von Ulm zum Münchner Oktoberfest. Zum Schwörmontag gehört bis heute die Lichterserenade auf der Donau.

„In Ulm, um Ulm und um Ulm herum“ – trinken, lieben, wandern.
„In Ulm, um Ulm und um Ulm herum“ – trinken, lieben, wandern.
Lichterserenade auf der Donau, um 1913.
Lichterserenade auf der Donau, um 1913.
Ausstellung für Kochkunst, Ulm, 13. bis 24. September 1900.
Ausstellung für Kochkunst, Ulm, 13. bis 24. September 1900.
Ulmer Messe mit Zirkus und Schaubuden, 1898.
Ulmer Messe mit Zirkus und Schaubuden, 1898.

Ausblick

Die Jahre bis 1914 waren für Ulm eine Zeit des Aufschwungs: aus der verarmten ehemaligen Reichsstadt war eine Festungs-, Industrie- und Verkehrsstadt geworden. Der Erste Weltkrieg beendete diese lange Blüte abrupt – die Wilhelmsburg diente noch bis 1917 als Kaserne.

Über den Autor Paris Dimitriadis ist Mitglied unseres Vereins und verantwortet die UBZ. Er sammelt und erforscht die Postgeschichte Ulms. Text, Briefe und Karten stammen aus seiner Sammlung, nach seinem Exponat „Ulm Revitalised – Strategic Transformation of a City, 1810–1914“. Weiterführend: „Die Ulmer Bilder-Chronik“ (Karl Höhn Verlag).